Unternehmensnachfolge – die Bewertung von KMU

Beim Kauf bzw. Verkauf von Unternehmen oder Anteilen daran stellt sich regelmäßig die Frage des Wertes. Dabei drückt sich im Wert eines Gutes stets dessen zukünftiger Nutzen für den Käufer und im Preis die konkret gezahlte Gegenleistung dafür aus. Käufer wie auch Verkäufer sollten eine begründete Vorstellung davon haben, bevor sie in die Verhandlungen gehen. Der Einigungsbereich wird dann regelmäßig zwischen der Preisobergrenze des Käufers und der Preisuntergrenze des Verkäufers liegen.

Über die korrekte Methode der Wertermittlung wird bis heute kontrovers diskutiert und vielfach  gestritten. Unstrittig ist, dass die wirtschaftliche Zweckbestimmung eines Unternehmens darin besteht, einen in Bezug auf Kapital- und Arbeitseinsatz adäquaten Ertrag zu erzielen. Der Wert eines Unternehmens leitet sich demzufolge aus seiner Fähigkeit ab, nachhaltige Erträge zu erwirtschaften und zwar unabhängig davon, um welchen Unternehmenstyp es sich handelt.

Eine vernünftige Bewertungsmethode muss letztlich zu einem „wahren“, d.h. marktplausiblen Ergebnis führen, dem sogenannten Verkehrswert. So muss auch nach aktueller Rechtsprechung eine Bewertungsmethode darauf gerichtet sein, einen Wert zu ermitteln, der am Markt erzielbar ist (BGH v. 09.02.2011 (XII ZR 40/09).

Unter einer Vielzahl von Verfahren hat sich in Deutschland das „klassische Ertragswertverfahren“ als allgemein anerkanntes Bewertungsverfahren etabliert. Dies gilt zumindest für die planbaren Bewertungsanlässe wie z.B. der Kauf oder Verkauf bzw. die Aufnahme oder das Ausscheiden eines Gesellschafters. Das IDW (Institut der Wirtschaftsprüfer) hat dazu einen Standard entwickelt (IDW S1), nach dem sich der Unternehmenswert durch Diskontierung der den Unternehmenseignern zukünftig zufließenden finanziellen Überschüsse ermittelt. Der Substanzwert hat in diesem Modell keine eigenständige Funktion sondern geht als Voraussetzung zur Erzielung dieser Überschüsse im sog. Ertragswert auf.

Schematische Darstellung des Ertragswertverfahrens:

          Umsatzprognose

          ./. Kostenprognose

          ./. kalkulatorischer Unternehmerlohn

          = Ertragsprognose

          ./. (typisierte) Ertragssteuern

          = nachhaltiger Reinertrag

           x Rentenbarwertfaktor 1/(1+i)n

                    i= Kapitalisierungszinsfuß (nach Steuern):

                           Basiszinssatz (risikofreier Zinssatz)

                          + Marktrisikozuschlag (IDW S1)

                          + Risikozuschläge – Einschätzung allgemeiner Risiken

                    n= Ergebniszeitraum (Jahre)

          = Ertragswert

Kernstück des Verfahrens ist dabei die Betrachtung einer unendlichen Rente (die unendliche Lebenszeit eines Unternehmens wird unterstellt). Diese und weitere Annahmen, die dem IDW S1 zugrunde liegen, wurden jedoch ursprünglich für Großunternehmen getroffen und zeigen deutliche Schwächen in ihrer Übertragbarkeit auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Als Folge führt die Anwendung dieses Standards in seiner klassischen Form zu deutlich überhöhten Unternehmenswerten bei KMU. In der aktuellen Niedrigzinsphase verstärkt sich dieser Effekt durch die gegenläufige Entwicklung von Basiszins und Ertragswert ganz erheblich.

Nach der KMU-Definition der EU-Kommission gehören aber 99,3 % der Unternehmen in Deutschland zu den KMU, davon ist der deutlich überwiegende Anteil familien- bzw. inhabergeprägt. Bei diesen Unternehmen sind im Vergleich zu den Großunternehmen jedoch einige Besonderheiten zu erkennen:

  • Mit Wechsel des Anteilseigners entfällt seine aktive Tätigkeit
  • Immaterielle Faktoren sind meist durch die gestaltende Tätigkeit des Inhabers geprägt
  • Mit Ausscheiden des Inhabers geht oftmals eine Vertrauensperson zu Mitarbeitern und zu Kunden sowie
  • der Know-how-Träger des Unternehmens verloren

Als Folge ist die Verflüchtigung dieser immateriellen Faktoren mit Ausscheiden des Inhabers zu beobachten. Die Ertragskraft ist daher nur für einen begrenzten Zeitraum auf den Käufer übertragbar, danach gründet sie alleine auf dem wirtschaftlichen Geschick des Käufers.

So wird der Käufer wohl auch nur zur Vergütung der übertragbaren Ertragskraft bereit sein.

Mit den IDW-Hinweisen 1-2014 trägt auch das IDW diesen Besonderheiten Rechnung und schlägt für seinen Standard S1 eine Modifikation des Ergebniszeitraums durch „Abschmelzung“ der Ertragsreichweite vor.

Das sog. modifizierte Ertragswertverfahren das sehr häufig bei der Bewertung von Freiberuflern (Ärzte, Steuerberater usw.) zur Anwendung kommt, zielt in die gleiche Richtung, argumentiert aber gegenüber der Abschmelzungstheorie mit dem „Reproduktionswert“, d.h. mit der Zeitdauer des Aufbaus eines vergleichbaren Unternehmens. Generell kommt bei verkürzten Ertragszeiträumen auch dem Substanzwert wieder eine andere Bedeutung zu – er ergänzt den Ertragswert zu einem Unternehmensgesamtwert.

Aus dem zuvor dargestellten Sachverhalt ergibt sich die dringende Notwendigkeit, objektivierbare Maßstäbe zur Bestimmung des Ergebniszeitraums zu entwickeln. Bis dahin bleibt es der Erfahrung und dem sachverständigen Ermessen eines Bewerters vorbehalten, das jeweils anzuwendende Verfahren und den Ergebniszeitraum individuell zu bestimmen.

Autor:

Dipl.-Vw. Peter Becker

Steinbeis Beratungszentrum Existenzgründung
Peter.Becker@stw.de

Foto: © fotolia.de/Dennis Junker

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